Die Normierungsarbeit des Norwegischen Sprachrats

Die norwegische Sprachgeschichte der letzten 100 bis 150 Jahre ist nahezu identisch mit der Geschichte ihrer Rechtschreibung und Normierung und mit den politischen Auseinandersetzungen um Fragen der Normierung. Unsere heutige Normierungspolitik steht in Zusammenhang mit dem, was seit den Jahren um 1850 geschehen ist.

Im Jahr 1850 hatten die Norweger nur eine Schriftsprache, nämlich die dänische, und eine Vielfalt von gesprochenen Sprachformen. Es gab Leute, die wie gedruckt sprachen, d.h. sie benutzten eine buchstabengetreue Aussprache der dänischen Schriftsprache. Das war nicht die dänische Aussprache, sondern ein Dänisch norwegischer Art. Man hat die übertriebene Form dieser Sprachvariante abschätzig "Küsterdänisch" genannt. Die Alltagssprache der gebildeten Schichten ließ weit mehr Raum für eine Aussprache nach norwegischen Prinzipien. In den meisten alltäglichen Wörtern hatte man die unlenisierten Konsonanten p t k, und man hatte g in Wörtern wie skog und plog statt skov, plov, was norwegische Aussprache des dänischen Schriftbildes wäre. In ungezwungenem Zusammenhang kamen auch Femininformen auf -a vor: jenta, elva, desgleichen Formen mit Dipthong wie stein, øy.

Neben dieser sog. gebildeten Alltagssprache existierten in den Städten und auf dem Lande die Dialekte, wie wir sie ohne große und wesentliche Unterschiede auch heutzutage um uns herum hören.

Es stellte sich die Frage, ob diese Situation für die Norweger zufriedenstellend war, und hierum entstand eine lebhafte Diskussion. Man schrieb mad und kastede, aber sagte mat und kasta oder kastet. Wie sollten die Kinder in der Schule solche Wörter lesen?

Schon seit 1814 (dem Jahr der Auflösung der Union mit Dänemark) wurde immer stärker gefordert, die Sprache zu norwegisieren. Dahinter standen in erster Linie patriotische Gedankengänge, aber auch pädagogische überlegungen und Ideen der Aufklärung spielten eine Rolle.

Nach 1850 herrschte mehr und mehr Einigkeit darüber, daß die Schriftsprache norwegisiert werden sollte. Die Frage war jedoch, nach welchen Prinzipien. Es kristallisierten sich mehrere Richtungen heraus.

Die Norwegisierung konnte behutsam voranschreiten, und zwar nach dem Grundsatz, daß Änderungen zunächst im wirklichen Sprachgebrauch stattfinden sollten, insbesondere bei Schriftstellern und Journalisten. Wenn sich neue Formen dann bei diesen durchgesetzt hatten, konnte die Schule mit ihren Wörterbüchern, Grammatiken und Lesebüchern folgen. Bedeutendster Fürsprecher einer solchen Vorgehensweise war der bekannte Professor Johan Storm, und seiner Auffassung schlossen sich viele prominente Zeitgenossen an. Wir können mit gewissem Vorbehalt sagen, daß der heutige Riksmål-Verband dieser Linie die größte Sympathie entgegenbringt.

Andere wünschten die Norwegisierung schneller voranzutreiben, vor allem aus pädagogischen Gründen. Der Abstand zwischen gesprochener Sprache und Schrift sollte um jeden Preis so verringert werden, daß die Kinder Sprachformen lesen und schreiben durften, in denen sie sich zu Hause fühlten. Ohne Änderung der Rechtschreibung befürchtete man eine Zementierung des gegebenen Zustands. Denn die Erwachsenen, die Schriftsteller und andere Benutzer der Schriftsprache würden weiterhin so schreiben, wie sie es gelernt hatten. Für diese Vorgehensweise bei der Norwegisierung trat vor allem Knud Knudsen ein, später dann auch Moltke Moe und andere prominente Muttersprachen-Pädagogen. Das norwegische Bokmål hat sich später im wesentlichen an diese Linie gehalten.

Wieder andere wollten eine von Grund auf norwegische Sprache schaffen. Sie gaben sich nicht mit einer Anpassung des Dänischen zufrieden. Für diese Linie steht der Name Ivar Aasens. Sein Ideal war eine einheitliche norwegische Sprache mit systematischem inneren Zusammenhang und Konsequenz in Rechtschreibung und Beugungsformen. So entstand das Landsmål als eine historisch-etymologisch orientierte Schriftsprache.

Jedoch nicht alle Anhänger einer solchen fundamental-norwegischen Sprache hielten dieses Prinzip für das richtige. Es gab auch die Auffassung, daß die gesprochene Sprache bei der Normenbildung stärker berücksichtigt werden sollte, indem man lieber lebende Mundartformen in die Schriftsprache aufnähme als solche, die das historische Muster vorgab. Die Forderung nach mehr Raum für die Dialekte im Landsmål wurde am kraftvollsten von dem radikalen Olaus Fjørtoft vertreten.

Später haben die Linie Aasens und die Fjørtofts um die Vorherrschaft bei der Normierung des Nynorsk gerungen. Bei offiziellen Normierungen in unserem Jahrhundert ist man bis zu einem gewissen Umfang dem Prinzip Fjørtofts gefolgt und hat mundartlichen Varianten mehr Spielraum gegeben.

Am Ende des letzten Jahrhunderts, als das Landsmål einen festen Platz neben dem Riksmål erreicht hatte, wuchs bei vielen die Erkenntnis, daß ein Streit zwischen den beiden Sprachformen nicht in alle Ewigkeit weitergehen konnte, daß vielmehr eine Annäherung stattfinden müßte, indem einerseits das Dänisch-Norwegische durch ständige Norwegisierung sich dem Landsmål näherte und andererseits das Landsmål aufgeweicht, sozusagen modernisiert würde und sich auf diese Weise dem Riksmål näherte. Das Konzept eines gemeinsamen Norwegisch ("Samnorsk") entstand, vorgetragen wurde es in erster Linie von Professor Moltke Moe, aber auch unterstützt von vielen anderen namhaften Norwegern, nicht zuletzt Pädagogen.

In den Jahren 1907, 1917 und 1938 fanden im Bokmål Reformen der Rechtschreibung statt, die alle in die Richtung der gesprochenen Sprache gingen, und zwar aus dem bewußten politischen Willen nach Annäherung heraus. Gleichzeitig wurde das Nynorsk in Richtung Bokmål normiert, wo sich dies ohne Verletzung des internen Sprachsystems machen ließ.

Hinter der Rechtschreibung von 1938 stand als wesentliche politische Zielsetzung die Normierung unserer beiden Sprachen in Richtung auf gemeinsame Formen. Beide Sprachen sollten auf einer neuen gemeinsamen Grundlage aufbauen, nämlich der gesprochenen Sprache im südlichen Ostnorwegen, wo die Hauptmenge der Bevölkerung wohnt.

1952 wurde Norsk språknemnd (Norwegisches Sprachkomitee) gegründet. Die erste wichtige Aufgabe des Komitees war es, eine Lehrbuchnorm auf der Grundlage der Reform von 1938 auszuarbeiten. Das Sprachkomitee wurde jedoch harten Angriffen ausgesetzt. Vor allem die Riksmål-Seite kritisierte den Zielparagraph: "Auf der Grundlage wissenschaftlicher Forschung, soll es [d.i. das Sprachkomitee] den Behörden und der Allgemeinheit Rat und Anleitung in sprachlichen Fragen geben. Es soll durch diese Tätigkeit die Annäherung zwischen den beiden Schriftsprachen auf der Grundlage der norwegischen Volkssprache fördern, soweit dies immer möglich ist." Dies wurde als festes Mandat verstanden und führte zu viel Polemik und aktivem Widerstand gegen die Arbeit des Sprachkomitees.

In den 60er Jahren wuchs unter den Politikern mehr und mehr der Wunsch, den Sprachenstreit zu beenden und die Kräfte stattdessen wieder um konstruktive Sprachpflege zu sammeln. Man setzte ein Sprachfriedenskomitee, das sog. Vogt-Komitee, ein. Auf dessen Vorschlag hin wurde Norsk språknemnd aufgelöst und durch Norsk språkråd (Norwegischer Sprachrat) ersetzt. Auch hier bestimmt der Zielparagraph die Annäherung als ein Ziel der Normierungsarbeit, aber es heißt jetzt, der Rat solle Entwicklungstendenzen unterstützen, die auf längere Sicht die Sprachformen einander näherbrächten.

Es schien mir notwendig, mit diesem etwas summarischen geschichtlichen Rückblick zu beginnen, um die Normierungsarbeit des Norwegischen Sprachrats verständlich zu machen.

Der Sprachrat hat heute 38 Mitglieder, je 19 für jede Sprach form. Darunter sind Repräsentanten der Universitäten, des Schulwesens, der Schriftsteller, auch der Sachbuchautoren, der Verlage, der Schauspieler und sprachpolitischer Gruppierungen wie etwa des Riksmål-Verbands, der Språklig samling (einer Bewegung für die Verschmelzung beider Sprachformen) und Noregs Mållag (des Nynorsk-Verbands). Der Vorstand des Rates hat 6 Mitglieder und der Fachausschuß 8, jeweils gleichmäßig auf Nynorsk und Bokmål verteilt.

Im Fachausschuß werden alle sprachlichen Fragen behandelt und Beschlußvorlagen in Normierungsangelegenheiten erarbeitet. Diese übersendet der Ausschuß der einmal pro Jahr stattfindenden Ratssitzung zur Annahme oder Ablehnung. Die endgültigen Be schlüsse werden dem Kulturministerium vorgelegt, das dann in oberster Instanz entscheidet. Es kann die Inkraftsetzung verweigern, was allerdings höchst selten vorkommt. Größere, tiefer gehende Änderungsvorschläge bedürfen einer Entscheidung des Parlaments. Dies geschah zum letzten Mal bei dem sogenannten "Liberalisierungsbeschluß" im Jahr 1976.

In weniger kontroversen Sprachfragen ist der Sprachrat bevollmächtigt, selbst endgültige Entscheidungen zu treffen, etwa für praktische Schreibregeln, Festsetzung der Schreibweise neuer Wörter, für die bis dahin noch keine Norm vorliegt, oder Änderungen mit dem Ziel, mehr Konsequenz in Schreibweise und Beugungsformen zu bringen.

Als erste Handlung faßte der neue Sprachrat auf der Bokmål-Seite den soeben genannten Liberalisierungsbeschluß. Schon im ersten Jahr wurde vorläufig entschieden, daß die Schüler in ihren schriftlichen Arbeiten in allen femininen Substantiven die Endung -en benutzen dürften.

Sie konnten jetzt also, wenn sie wollten, kuen, jenten und vidden schreiben - so wie wir diese Wörter im Bergener Dialekt gebrauchen. Nach der Rechtschreibung von 1938 war -a als bestimmter Artikel obligatorisch in einer langen Reihe von Wörtern gewesen, wobei die Regeln für Schüler wie Lehrer nicht immer leicht zu verstehen waren. Selbstverständlich kann man heute aber weiterhin -a bei allen Feminina schreiben.

Ähnliches wie bei den Feminina gilt für Neutra in der bestimmten Form Plural, also fjellene oder fjella.

Auch die Beugung des Verbs erlebte eine gewisse Liberalisierung. Die Schüler sollten -et im Präteritum und Perfekt benutzen dürfen, wo die Regeln zuvor -de, -d verlangt hatten: bygget, levet statt bygde, bygd, levde, levd.

Dies war zunächst nur ein vorläufiger Beschluß. Um den Prozeß der Liberalisierung des Bokmål zu beschleunigen, wurde ein Sonderausschuß mit Repräsentanten der verschiedenen Sprachgruppen in der Gesellschaft gebildet. Dieses Komitee legte dem Sprachrat seine Vorschläge vor, der seinerseits über jeden einzelnen Vorschlag abstimmte. 1979 wurden die Beschlüsse an das Ministerium geschickt, das sie wiederum an das Parlament zur Behandlung weiterleitete. Dort wurden die Änderungen endgültig beschlossen.

Folgende Regeln sind danach gültig: Es ist in beiden Sprachformen zu unterscheiden zwischen einer weitergefaßten Rechtschreibung und einer engeren Norm, der sogenannten Lehrbuchnorm. Die Lehrbuchnorm gilt für Schulbücher und im öffentlichen Sprachgebrauch. Sie wird auch für bestimmte Typen von Sendungen des Rundfunks empfohlen, u.a. Nachrichten, Ansagen, Meldungen, Unterrichtsprogramme für Kinder und Erwachsene und Untertitelungen bei Fernsehsendungen.

Die Schüler selbst dürfen die weitergefaßte Rechtschreibung benutzen. Sie dürfen z.B., wie oben erwähnt, -en in der bestimmten Form aller Femina schreiben.

In der Lehrbuchnorm dagegen haben diese weiterhin obligatorisches -a, allerdings nicht in so vielen Wörtern wie früher.

Der Sprachrat stimmte über alle Einzelheiten separat ab. Einige Änderungen gingen einstimmig durch, andere mitunter nur mit knapper Mehrheit. Es gab Abstimmungen über die Wortpaare sjuk:syk, tjuv:tyv, mjøl: mel, gard:gard, vatn:vann, låg:lav, høg:høy, trøtt:trett mit dem Ergebnis, daß sie alle gleichgestellt wurden. Eine Niederlage erlitten die, die sne, syv und tyve haben wollten. Weiterhin sind nur snø, sju und tjue erlaubt.

Diese Änderungen bedeuteten freilich einen Rückschritt für den Gedanken eines gemeinsamen Norwegisch. Zuvor war es das Prinzip gewesen, auf möglichst viel Übereinstimmung mit dem Nynorsk hinzuarbeiten. Jetzt kamen wieder Formen zurück, die den dänischen entsprachen, und die zwar Tradition in der norwegischen Schriftsprache hatten, aber vom Nynorsk wegführten. Es war wohl auch nicht gerade ideal, daß nun noch mehr Wahlfreiheit eingeführt wurde, als es zuvor schon gegeben hatte.

Zweifellos war dies die wichtigste Normierungsmaßnahme des Sprachrats in seiner 17-jährigen Geschichte. Es ist nicht zu leugnen, daß diese Beschlüsse mehr von sprachpolitischen als von sprachwissenschaftlichen Gesichtspunkten bestimmt wurden, selbst wenn damals, wie immer bei der Arbeit des Rates, Belege sowohl aus der Literatur wie aus den Mundartarchiven herangezogen wurden.

Die Normierungsarbeit des Rates erstreckt sich heute auf alle Bereiche der Sprache: Orthographie, Morphologie, Vokabular und in geringerem Umfang auch auf Syntax.

Ein wichtiges Prinzip ist es, für mehr Konsequenz in Fällen zu sorgen, wo unnötige Inkonsequenz herrscht. Die vielen Änderungen der Rechtschreibung haben unweigerlich zu etlichen solchen Fällen geführt. Ein weiteres Prinzip ist es, die schriftsprachlichen Formen so weit wie möglich mit der meist verbreiteten Form der gesprochenen Sprache in Übereinstimmung zu bringen. Dies ergibt sich notwendigerweise daraus, daß gesprochene Formen der norwegischen Alltagssprache im Laufe der vergangenen 100 Jahre Grundlage und Muster für Normierungen in Richtung auf das Norwegische hin gewesen sind. Gleichwohl strebt der Rat in seiner Arbeit Ausgewogenheit zwischen diesem Prinzip und der Rücksicht auf die schriftliche Tradition an.

Diese in Norwegen praktizierte Form der Normierung gibt es kaum in anderen Sprachgemeinschaften. Sie rührt natürlich von unserem besonderen sprachlichen Hintergrund, von unserer Sprachgeschichte her. Zu dem Zeitpunkt, als wir Kopenhagen als unser sprachliches Zentrum verließen, fehlte uns eine tradierte feste Norm.

Änderungen in der Morphologie, wie die des Artikels der Feminina, gehen natürlich über reine Rechtschreibungsreformen hinaus. Es ist auch häufig darauf hingewiesen worden, daß der Terminus in diesem Zusammenhang mißverständlich sei.

Dem Rat liegen nicht selten morphologische Fragen zur Behandlung vor. Mitunter muß das Genus eines Wortes neu bestimmt werden. Das Genus vieler Wörter ändert sich von Dialekt zu Dialekt, und bei vielen Termini für chemische oder sonstige Stoffe wird in den Fachsprachen ein anderes Genus benutzt als in den allgemeinsprachlichen Wörterbüchern. In solchen Fällen versucht der Rat dann, Übereinstimmung mit dem tatsächlichen Gebrauch oder jedenfalls mit dem der Mehrheit herzustellen. War marmoret zuvor die einzige erlaubte Form, während die meisten Leute marmoren sagen, dann war es natürlich, die beiden Genera gleichzustellen. Sulfitten, nitritten schrieb die Regel vor, sulfittet, nitrittet sagen die Chemiker. Ergo mußte Wahlfrei heit eingeführt werden. Vor Änderungen dieser Art finden stets Beratungen mit einschlägigen Fachkreisen statt.

Eine andere Frage war, ob Wörter wie aften, tempel, krangel in den flektierten Formen Synkope oder volle Formen haben sollten: aftnen oder aftenen, templet oder tempelet, kranglen oder krangelen. Der Rat legt in solchen Fällen Regeln fest, in unserem Beispiel wurden die letzteren Formen vorgeschrieben.

Wie heißt der Plural der Fremdwörter auf -um: antibiotikum, faktum, kvantum? Im Bokmål bei all diesen Wörtern -a. Aber Wörter wie femininum und nøytrum können im Plural sowohl femininer, nøytrer als auch feminina, nøytra heißen. Da spiegelt sich ein tatsächlicher Wechsel in der Alltagssprache ab. Es ist immer die Frage, ob wir autoritativer sein und eine ausschließliche Form vorschreiben sollten.

Ich erwähnte bereits, daß die Änderungen im Bokmål in einigen Fällen von gemeinsamen Formen wegführten. Auch im Nynorsk wurden jetzt Änderungen vorgenommen, mit denen man die Gemeinschaft verließ. Die Bevölkerung in Nynorsk-dominierten Gegenden benutzt das Pronomen me in der 1. Person Plural, nicht vi, das früher in der Lehrbuchnorm obligatorisch war. Jetzt ist me dort wieder aufgenommen. Der Ubereinstimmung mit dem Bokmål zuliebe hatte Nynorsk nach 1938 im Präteritum einer Reihe von Verben -te, wo es traditionell -de geheißen hatte, wie beispielsweise førte, kjørte. Die Nynorsk-Sektion im Sprachrat hat -de wieder zugelassen.

Eine Hauptschwierigkeit im Nynorsk ist für Schüler ohne Nynorsk-Hintergrund die Kongruenzbeugung im Partizip Perfekt. In der Lehrbuchnorm ist sie auch weiterhin die einzig zugelassene Form, jedoch hat der Rat jetzt beschlossen, daß sie in der weitergefaßten Rechtschreibung nicht mehr obligatorisch sein solle. Man kann also schreiben: "boka er skrive", "brevet er skrive", "breva er skrive".

Ein zentraler Bereich in der Arbeit des Sprachrats ist die Orthographie in Einzelwörtern. Wie schon erwähnt, haben die vielen Regulierungen etliche Inkonsequenzen mit sich gebracht.

Diese gilt es zu beseitigen, wo es nötig und möglich ist. Zum Beispiel sollten ein Grundwort und seine Zusammensetzungen dieselbe Schreibweise haben. Wenn fram und frem gleichgestellt sind, sollte man auch in Zusammensetzungen dieselbe Wahlfreiheit haben, also sowohl framsteg wie fremsteg schreiben dürfen. Wenn es bein heißen kann, dann muß es auch beinklær - neben benklær - heißen dürfen. Dies als Illustration. Andererseits möchte man die Wahlfreiheit gern einschränken, wo sie eine Belastung darstellt. Allmenn und almen existierten nebeneinander. Jetzt steht nur noch allmenn im Wörterbuch. Ebenso hat man sich zwischen tilfellig und tilfeldig für letzteres als die einzig gültige Form entschieden.

Besonders umfassende Änderungen gab es bei der Schreibweise von Fremdwörtern, besonders englischen. Hierfür haben wir im Norwegischen übrigens lange Traditionen, vgl. so heimisch gewordene Schreibformen wie nasjon, stasjon, sjalu, byrå, majones etc. Die Dänen sind da z.B. viel zurückhaltender.

Hier folgt man dem Prinzip, daß solche Wörter, die häufig benutzt werden und vermutlich fest in die Sprache eingehen, eine norwegische Orthographie erhalten. Beispiele dafür sind die automobiltechnischen Ausdrücke kløtsj, gir, eksos. Die englische Schreibweise existiert noch so lange nebenher, bis sich die norwegische durchgesetzt hat. Dies gilt ebenso für Wörter wie juice/jus, tape/teip, freelance/frilans oder ein französisches Wort wie genre, norwegisiert sjanger.

Technische und medizinische Fachausdrücke mit fremder Schreibweise erhalten norwegische Buchstabenformen, was in der Praxis bedeutet, daß c durch s oder k ersetzt wird, ch durch k : kolesterol und x durch ks: aksinitt etc. Fachleute selbst greifen schon gern zu solcher norwegisierten Schreibweise.

Viel Zeit und Kraft hat der Sprachrat der Normierung geographischer und historischer Namen gewidmet. Es ist wünschenswert und wichtig, daß wir für Lehrbücher, Lexika und sonstigen offiziellen Gebrauch eine einheitliche, feste Schreibweise solcher Namen bekommen. Normierungen in diesem Bereich erfolgen stets in enger Zusammenarbeit mit den anderen nordischen Sprachkomitees.

Es liegen mittlerweile umfangreiche Listen über geographische Namen, Nationalitäts- und Völkerbezeichnungen und historische Namen vor.

Schließlich ist die Wortschatzarbeit zu erwähnen. Hier findet ein harter, freilich meistens aussichtsloser Kampf gegen die Unzahl englischer Wörter und Ausdrücke statt, die über uns hereinbrechen und sich überall in der Sprache ausbreiten. Viele von ihnen sind völlig unnötig und verdrängen gute norwegische Wörter. Andere Wörter kommen zusammen mit neuen Produkten, neuen Begriffen und Tätigkeiten und füllen damit einen leeren Raum. Wenn bei diesen Schreibweise und Aussprache in Konflikt mit dem Norwegischen kommen, suchen wir nach einem guten norwegischen Ersatz. Finden wir keinen, dann versuchen wir, dem Wort eine norwegische Form zu geben, so daß es orthographisch und morphologisch in das norwegische Sprachsystem paßt. Dafür habe ich oben einige Beispiele gegeben.

Ansonsten arbeitet der Sprachrat aktiv an Fachtermini unterschiedlicher Art unter anderem zusammen mit dem Rat für technische Terminologie. Zur Sprache der Datenverarbeitung wurde ein Wörterbuch erarbeitet, dessen 4. Auflage soeben erschienen ist.

Das Nynorsk hat noch ein spezielles Problem im Bereich des Wortschatzes. Es dreht sich dabei nicht um die Fremdwörter, von denen ich eben sprach. Denn dort verfolgen Bokmål und Nynorsk dieselbe Linie. Es geht vielmehr um die alten deutschen Lehnwörter, die im Bokmål florieren. Einen großen Teil von ihnen hat man auf den Index gesetzt, allmählich aber ist die Forderung nach einer Aufwechung der Restriktionen immer stärker geworden. Dies betrifft in erster Linie die sogenannten anbeheitelse-Wörter, Wörter also mit den Präfixen an, be und den Suffixen heit, else. Die Nynorsk-Sektion im Sprachrat berät über jedes Wort einzeln und entscheidet, welche in die Wortlisten des Nynorsk aufgenommen werden sollten. Beispiele: anbod, anslag, anvise, anhang, bebuar. beslag, behald, bestemme, bestille, beslaglegge, bevis, fruktbarheit, nøyaktigheit, offentligheit, verdigheit, drektigheit, dummheit, godheit. In manchen Fällen werden solche Wörter nur in bestimmten Bedeutungsvarianten zugelassen.

Unter all den Arbeitsbereichen des Sprachrats steht heute wohl die Verteidigung der norwegischen Sprache gegen die Anglizismen an wichtigster Stelle. Im Kern geht es dem Rat in seinem Sprachprogramm darum, Respekt und Liebe gegenüber der eigenen Sprache wieder zu stärken und einen Versuch zu machen, das sprachliche Minderwertigkeitsgefühl unserer Nation aus der Welt zu schaffen.

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